Hilfe - Mein Kind drückt eigene Emotionen aus

Hilfe! Mein Kind drückt eigene Emotionen aus!

Dieses Thema gehört nicht zu meiner Spezialisierung und es gibt viele Experten, die viel mehr zu diesem Thema schreiben können. Aber als Vater einer achtjährigen Tochter liegt mir dieses Thema besonders am Herzen! Daher diese kleine Zusammenfassung.

Die drei häufigsten und gleichzeitig ungeeignetsten Verhaltensweisen der Eltern im Umgang mit den Emotionen Ihrer Kinder (vgl. Daniel Goleman, mehrjährige Studie der Universität Washington: Hooven, Gottmann):

  • Völliges Ignorieren der Gefühle des Kindes durch die Eltern: Emotionale Erregung des Kindes ist lästig, trivial, und legt sich irgendwann, ohne die Chance zu nutzen, an das Kind näher heranzukommen. Die Möglichkeit, den Umgang mit Emotionen zu lehren, wird nicht genutzt.
  • Übermäßige Toleranz: Jegliches Verhalten des Kindes wird nicht nur akzeptiert, sondern sogar noch gelobt. Es gibt keine alternative emotionale Reaktion. Sollte die Emotionalität des Kindes schädigend für Kind oder Umwelt werden, nutzt man die Hilfsmittel des Verhandelns oder Bestechens (Wenn Du jetzt ruhig bist/ …. tust/ …. nicht tust, dann…..bekommst Du/ dann werde ich/ dann verspreche ich….).
  • Verächtlichkeit, kein Respekt für die Empfindungen: Kritik, Schreien, Drohung, Strafe, Gereiztheit („Keine Widerrede!“) sind Zeichen der Missbilligung und Antwort auf den Versuch des Kindes, seine Sicht und Empfindungen der Dinge darstellen zu können.

Wenn die Bestrafung auch noch mehr von dem jeweilig vorherrschenden Gefühl der Eltern abhängt als von der Tat des Kindes, dann handelt es sich um eine hervorragend geeignete Strategie, Kindern das Gefühl von Hilflosigkeit und Wertlosigkeit zu vermitteln.

Die Erregung seines Kindes als Gelegenheit zu ergreifen, um als Trainer aufzutreten, die Gefühle des Kindes ernst zu nehmen (Bist du wütend oder verletzt?…- dies kann ich verstehen) und zu helfen, alternative Wege zu finden (wie wäre es…zu tun, eine Möglichkeit wäre…., es gibt einen viel besseren Weg…….), das Kind dabei auch in den Arm zu nehmen, ist ein für die ganze Familie wesentlich ökologischerer Weg emotionale Kompetenz, den Umgang mit Emotionen, zu vermitteln.

Die langfristigen Folgen dieser emotionalen Kompetenz von Kindern waren laut Studie ein besseres Verhältnis zu den Eltern, physiologisch entspannte Kinder, bei Altersgenossen beliebter, weniger Verhaltensprobleme wie Grobheit oder Aggressivität, sowie höhere Aufmerksamkeit und damit bessere Lernfähigkeit (also auch kognitive Eigenschaften konnten verbessert werden!).

Es geht nicht um den optimalen Erziehungsstil oder immer alles richtig zu machen! Sollten Elternteile diese Erwartungshaltung an sich selbst besitzen, sind ein inneres Scheitern oder zumindest oftmals Schuldgefühle sehr wahrscheinlich (beides ist weder für das Kind noch die Eltern hilfreich!).

Jedenfalls produzieren unterschiedliche Erziehungsziele in ihrer Überzeichnung ungewünschte Auswirkungen auf die Kinder. Von Eltern gesetzte Handlungen, immer in positiver Absicht gesetzt, sind in ihren negativen Konsequenzen zeitweise nicht bewusst. (vgl. in Folge Psychologisches Konfliktmanagement, Becker/Becker)

Eine Familienatmosphäre der Lieblosigkeit, meist mit dem Hintergrund, dass lieblose Eltern selbst wenig Wärme und Geborgenheit kennengelernt haben, charakterisiert sich durch empathielose Eltern, die kein Verständnis für die Bedürfnisse der Kinder aufbringen. Abgelehnte oder zum „Funktionieren“ erzogene Kinder können nicht lieben, werden nervös, beginnen selber zu hassen, werden misstrauisch und verschlagen und alsbald tatsächlich zu Sorgenkindern.

Die mögliche Gegenreaktion der Eltern in Form von Autorität untergräbt in weiterer Folge die Selbständigkeit und erzieht zu Unsicherheit, Konflikt- und Verantwortungsscheu bis hin zur passiven Unterwerfung. Im positiven Fall entwickeln sich Kindern zu Strebern, im negativen Fall entstehen Gefühle wie Hass, Rache und Misstrauen, die sich in Form von Trotz und Aggression gegen den „Unterdrücker“ äußern.

Ein repressiver Erziehungsstil geprägt durch Regeln, Lenkung und Kontrolle, die Vielfältigkeit verschwindet zugunsten ausschließlicher Schwarzweißkategorien, schafft möglicherweise den zwanghaften Erwachsenen oder nach innerem Rückzug des Kindes den Tagträumer/in.

Auch eine Streitatmosphäre innerhalb der Eltern führt das Kind in einen unlösbaren Konflikt (Die „beste Frage“: „Wen hast Du lieber Papa oder Mama?“). Würde das Kind für einen Teil Partei ergreifen, erklärt das Kind gleichzeitig einen Teil von sich selbst (und zwar 50 %!) als negativ. Somit bleibt dem Kind in den meisten Fällen nichts anderes übrig, als sich innerlich in die Isolation zu begeben, sich von Mutter und Vater zurückzuziehen und ein eigenes, möglichst von allen Menschen unabhängiges Leben zu führen.

Eine leistungsbezogene Atmosphäre, gesellschaftspolitisch ausgesprochen populär, kann die natürliche Liebe zum Kind verlieren. Kinder werden nur noch für ihre Leistungen gelobt und nicht um ihrer selbst willen geliebt. Wenn die bedingungslose Liebe fehlt entwickeln Kinder kein Selbstvertrauen, dafür aber Angst, die Erwartungen nicht zu erfüllen. Psychosomatische Beschwerden (Kopf/Magenschmerzen, Hauterkrankungen) können auftreten. Krankheiten werden aus der Sicht des Kindes als Entlastung vom Leistungsdruck empfunden. Trotz, Lustlosigkeit, Trödeln, das Vergessen von Aufgaben werden als „Schutzschilder“ durch das Kind entwickelt, da offene Auflehnung nicht gewagt wird. Kompensatorische Wirkungen können zu Aussteiger- und „Null Bock“- Mentalität führen.

Auch die materialistische Atmosphäre ist stark dem heutigen Gesellschaftsbild geschuldet. Dem Kind soll es einmal besser gehen, meist aus der eigenen Kindheit des Mangels der Eltern geboren. Aus Schuldgefühlen, weil man seinem Kind zu wenig Zeit, Kraft und Liebe geben kann/will, resultieren ein Überfluss an Geschenken bzw. handfeste materielle Güter.

Nun prallen zwei Erwartungshaltungen aufeinander:

Einerseits erwarten die Eltern Dankbarkeit und Würdigung für ihr tun, ja vielleicht sogar für ihre Aufopferung (moralische Erhöhung!), andererseits hätte das Kind Wärme, Liebe und Zuwendung (die drei T` s: Time, Touch, Talk sind nicht ersetzbar!) gewollt, anstatt mit Geschenken abgespeist zu werden. Beide Erwartungshaltungen werden nicht erfüllt. Enttäuschung ist Folge. Das Prinzip der Liebe wird durch ein Kosten-Nutzen-Prinzip ersetzt und manchmal sogar von den Kindern in ihre Familien weitergetragen. Auch sei den Patchwork Familien und der Tendenz Kinder ständig in Kurse zu schicken der Glanz genommen durch ein Zitat von F. Riemann aus „Grundformen der Angst“: “Für die beginnende Orientierung des Kleinstkindes ist es unerlässlich, dass seine Umgebung eine gewisse Stabilität aufweist, wodurch sie ihm allmählich vertraut wird, so dass es Vertrauern zu ihr fassen kann- Vertraut werden ist Basis des Vertrauen können. Ein zu häufiger Wechsel der Bezugspersonen, ein Zuviel an Wechsel der Umgebung und an Sinneseindrücken, kann von ihm nicht verarbeitet werden…“

Antiautoritäre Erziehung in einer repressionsfreien Atmosphäre ermöglicht Kindern die Entwicklung einer starken und selbstbewussten Persönlichkeit. Zwingend ist jedoch dabei das Kind mit den Konsequenzen seines Handelns zu konfrontieren. Ebenso ist das Setzen von Grenzen wesentlich. Verwöhnung oder überfürsorgliche Erziehung schwächt generell die Menschen im Kern ihrer Persönlichkeit und Anpassungskrisen können entstehen (Privilegien werden entzogen; der „dienstbare Geist“ (=Mutter, Vater, …) entschwindet; die raue Wirklichkeit umfasst das Kind). Zuletzt sei noch die notwendige Konsequenz (und zwar von beiden Elternteilen!) in diesem Handeln erwähnt, da ein teilweiser Rückfall in autoritäre und/ oder Laissez-faire Bewegungen Orientierungslosigkeit des Kindes erzeugen kann: Setzen Sie Konsequenzen, wenn Regeln oder Grenzen nicht eingehalten werden und machen Sie keine Drohungen oder Versprechen, die Sie nicht einhalten können oder wollen.

Eltern, die ihr Kind frühzeitig als gleichwertigen Partner anerkennen und ihm altersgerecht Rechte und Pflichten einräumen, also eine kooperative Familienatmosphäre zu schaffen in Stande sind, ermutigen ihr Kind zu eine Entwicklung aktiver weltzugewandte Verhaltensweisen. Entwicklungsgemäße Förderung- also weder Überforderung noch Unterforderung- verbunden mit Freiräumen, die es dem Kind ermöglichen, in Rahmen seiner Fähigkeiten eigene Lösungswege zur Bewältigung seiner Aufgaben zu finden, macht die Kinder nicht nur selbstbewusster und mutiger, sondern auch neugierig und aktiv. Das Setzen von Grenzen durch die Eltern, wobei Spieldrang und Bewegungstrieb des Kindes auch seine Zeit findet, ergibt einen Stil der Disziplinierung. Dieser führt zu einer festen und sicheren Bindung.

Die Rechtfertigung mancher Eltern, die wenig Zeit mit ihren Kindern verbringen, es zählt die Qualität und nicht die Quantität der Zeit, ist falsch. Die inneren Gefühle des Mangels an Harmonie oder Liebe zu den eigenen Kindern werden mit kognitiven Sprüchen ruhig gestellt. Kinder sehnen sich nach der Aufmerksamkeit und Liebe ihrer Eltern. Ist dies nicht gegeben, hat das Kind das Gefühl vieles oder gar alles falsch zu machen, entsteht Verzweiflung, die mit der Angst des verlassen werden gesteigert werden kann.

Eine klar formulierte Analyse des Istzustandes mit Aufzeigen des Fehlverhaltens der Eltern und Selbstreflexion des Kindes zur gemeinsamen Verbesserung ist einem Kind nicht möglich! Reagiert das Kind mit Stimmungsschwankungen und emotionalen Hilferufen werden manche Eltern ebenso verärgert oder verzweifelt. Dies erzeugt wieder nicht gewünschte Reaktionen des Kindes und der Teufelskreis zieht alle Beteiligten nach unten.

Damit soll nicht gesagt werden einem Kind zwingend alle Widrigkeiten zu ersparen. Auch emotionale Stürme oder Konflikte mit den Eltern/ Freunden usw. entsprechen der Lebenswirklichkeit und gehören genauso zum Lernprozess. Dies ist oft auch nicht möglich, wobei dies vom Kind auch anerkannt wird: Es ist ein Unterschied, ob Mutter oder Vater jeweils Alleinerzieher sind und daher viel Zeit für den Beruf, für die materielle Absicherung brauchen, oder das persönliche Ego eines oder beider Elternteile die Karriere oder das Hobby vor das Kind stellen.

Grundsätzlich geht es mir nicht darum, ein Verhalten zu verurteilen, sondern ein Bewusstsein für das Verhalten von Kindern und Eltern zu schaffen – ohne falsche Entschuldigungen oder Rechtfertigungen.

Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Spaß und Freude bei der Erziehung Ihres/r Kindes/r! Und sollten Sie dies für Sarkasmus halten, dann lesen Sie diesen Artikel einfach nochmals.


© Bild: www.shutterstock.com

  1. Robert Eberl
    | Antworten

    Lieber Stefan!
    Großartig!
    Sehr toller Artikel, gute Analyse, und eine „Bedienungsanleitung zur Erziehung und Umgang mit Kindern“
    Ich persönlich finde ja, dass auch die Kinder einen sehr wesentlichen Beitrag zur Erziehung und Reifung ihrer Eltern beitragen.
    Die home page ist dir sehr gut gelungen, da werd ich jetzt öfter reinschauen.
    Robert & Co

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